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Pollert: "Unternehmen im Schraubstock"

Dirk Pollert sieht die Metall- und Elektroindustrie unter Druck:
Sie muss zeitgleich den Strukturwandel und eine Konjunkturkrise verkraften.

Die hessische Metall und Elektroindustrie steht vor einer dreifachen Herausforderung: Sie muss einen Konjunktureinbruch verkraften, den digitalen Wandel finanzieren und steht vor einer Tarifrunde, sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbands Hessen- Metall (51).

Die Bundesbank erwartet, dass sich die Industrie- Konjunktur nach einer Delle jetzt stabilisiert. Sieht Hessens Metall- und Elektroindustrie das ähnlich?
Nein. Im vergangenen Jahr schrumpfte unsere Produktion um fünf Prozent. In das neue Jahr sind wir mit Produktions- und Auftragsrückgängen gegangen. Wir erwarten, dass die Produktion weiter sinkt, weil die Auftragsbestände sinken. Wir sehen zudem Vorzieheffekte: Aufträge, die erst später ausgeliefert werden, werden schon jetzt abgearbeitet. Dadurch wird die Delle später größer.

Bei den Automobil-Zulieferern dürften die Zahlen noch schlechter sein.
Ja. Diese Betriebe melden, dass die Produktion 2019 um acht Prozent zurückging. Das Auftragsvolumen in den nächsten Monaten wird um mindestens zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen.

Worauf sollen sich die Auto- Zulieferer einstellen? Alle Hersteller reden vom Umstieg auf die Elektro- Mobilität, aber ein Massengeschäft scheint das so schnell nicht zu werden.
Klar ist nur, dass noch nichts klar ist. Deshalb sind betroffene Betriebe verunsichert. Es ist wichtig, dass wir in der weiteren Entwicklung technologieoffen sind. Das bedeutet: Die Entwickler in Unternehmen sollen an unterschiedlichen Antriebsarten arbeiten dürfen, ohne dass die Politik die Lösung oder unrealistische Zeitpläne vorgibt.

Der Benzin- und der Dieselantrieb bleiben also zunächst dominierend.
Ja. Die Betriebe produzieren weiter nachfrageorientiert und damit weit überwiegend Teile für Verbrennungsmotoren. Zugleich müssen sie mit Hochdruck neue Produkte und Wertschöpfungsketten entwickeln.

Das ist schwierig.
Sehr schwierig. Deshalb sagen wir: Die Firmen brauchen Raum für Investitionen in Prozess- und Produktinnovationen. Zugleich stottert die Autokonjunktur. Die Unternehmen befinden sich im Schraubstock zwischen Rezession und Strukturwandel – wie die übrigen acht Branchen der Metall- und Elektroindustrie. Firmen suchen bei uns vermehrt Rat zu den Themen Kurzarbeit und betriebsbedingte Kündigungen.

Ihre Industrie blickt aber auf zehn gute Jahre zurück.
Das stimmt.

Da müssten in den Betrieben jetzt ausreichend Mittel für Investitionen vorhanden sein.
Unternehmen müssen Jahr für Jahr Überschüsse erwirtschaften, um investieren zu
können. Zudem sind die Investitionen in die Digitalisierung sehr hoch. Diese belasten
die Ergebnisse der Firmen über mehrere Jahre.

Können Sie abschätzen, wie viel die Unternehmen in den Strukturwandel investieren?
Das können wir ziemlich genau: Zu diesem Thema haben wir unsere Mitgliedsbetriebe
im Herbst 2019 gefragt. Das Ergebnis: 90 Prozent der Unternehmen investieren schon heute mehr als ein Prozent ihres Umsatzes in die Digitalisierung. 25 Prozent der Firmen bringen sogar mehr als sechs Prozent ihres Umsatzes für die digitale Transformation auf. In fünf Jahren wollen bis zu 50 Prozent der Firmen die 6-Prozent- Marke überschreiten. Gerade die Digitalisierung der Produktion wird viel Geld kosten.

Ihr Verband fordert, dass der Staat den Strukturwandel in den Betrieben unterstützt.
Ja. Wir wünschen uns, dass der Staat seine Hilfen effektiver einsetzt. Dabei geht es im Land etwa um eine Weiterentwicklung der sehr guten Initiative ,Digitales Hessen’, den Ausbau des Online-Tools Digi-Check und die Einführung eines KI-Checks. Wir wollen auch den Austausch zwischen Hochschulen und Unternehmen gefördert und den Digi-Zuschuss um eine Weiterbildungslinie ergänzt wissen.

Generell sieht Hessen-Metall staatliche Zuschüsse aber doch kritisch.
Das stimmt. Die Digitalisierung ist jedoch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir
haben alle ein Interesse daran, dass unsere Metall- und Elektroindustrie und ihre Mitarbeiter international weiter in der ersten Reihe stehen. Mit vier Millionen Beschäftigten, davon 220 000 in Hessen, ist sie ein Garant für Deutschlands Wohlstand. Wenn unsere Industrie hustet, bekommen viele andere Wirtschaftsbereiche später eine Grippe.

Sie haben auch Wünsche an die Bundespolitik.
Auf Bundesebene geht es darum, die Kurzarbeit zu erleichtern – so wie es nach der Lehman-Krise 2008/2009 geschah. Viele Unternehmen stehen in den nächsten Wochen und Monaten vor der Frage, ob sie Personal abbauen, um durch die Krise zu
kommen – oder ob sie Kurzarbeit nutzen können. Deshalb müssen die Weichen da jetzt gestellt werden. Noch etwas Anderes ist wichtig.

Nämlich?
Die Unternehmenssteuern müssen dringend auf 25 Prozent sinken. Außerdem brauchen wir den Wegfall des Soli-Zuschlags für alle. Beides würde den Firmen helfen, in die Zukunft zu investieren. Mir wird in Deutschland zu viel über Umverteilung gesprochen und zu wenig darüber, wie man Wohlstand erwirtschaftet.

Sind Sie zufrieden mit der deutschen Klimapolitik?
Die Zeitpläne müssen realistisch sein. Der Staat will etwa, dass ab 2026 keine Ölheizung mehr eingebaut wird. Ein Hersteller von Ölheizungen hat jetzt sechs Jahre Zeit, um die Produktion komplett zu ändern. Dabei kann man den Klimaeffekt hier anders erreichen – etwa über treibhausgasneutrale Brennstoffe. Wir haben der Politik einen CO2-Deckel vorgeschlagen, der die Mengen steuert und nicht die Preise. Den haben wir im Klimapaket der Bundesregierung grundsätzlich erhalten, leider aber auch zusätzliche, wettbewerbsverzerrende Verteuerungen und Verbote. Man muss auch sehen: Wenn ein Flugzeug statt in Frankfurt in Paris startet, bringt das dem Klima nichts, aber es schwächt unseren Standort .

Wie klug ist die Klimapolitik also?
Die Ziele müssen sinnvoll sein, und bei der Wahl der Wege, um die Ziele zu erreichen,
darf die Politik nicht zu früh Festlegungen treffen. Sie sollte auch mehr auf das Expertenwissen der Unternehmen setzen. Viele unserer M+E-Unternehmen leben ja davon, Lösungen zu entwickeln, die zu mehr Klimaschutz beitragen.

Fürchten Sie, dass die Klimapolitik Arbeitsplätze in Hessen kostet?
Ja, das macht uns Sorgen. Heute schon ist der Strompreis in Deutschland der höchste in der Welt. Das ist vor allem für energieintensive Unternehmen ein Problem.
Unsere Betriebe sind auf eine hohe Versorgungssicherheit und zugleich wettbewerbsfähige Preise angewiesen.

Nun stehen die Unternehmen nicht nur vor den Herausforderungen der Konjunktur und des Strukturwandels, sondern auch vor einer Tarifrunde.
Die M+E-Unternehmen stehen vor einem großen und langen Strukturwandel. Sie
brauchen deshalb Luft für Investitionen in Innovationen. Zugleich entwickelt sich die
Konjunktur für unsere Industrie ungünstig, und wir sehen nicht, dass sie 2021 besser wird. Deshalb brauchen wir einen maßvollen Abschluss, der Planungssicherheit für einen längeren Zeitraum gibt.

Stoßen Sie mit Ihren Argumenten bei der IG Metall auf Verständnis?
Die Tarifverhandlungen beginnen voraussichtlich im März. Ich habe den Eindruck,
dass die IG Metall den Ernst der Lage sieht und dazu beitragen will, den hohen Beschäftigungsstand nicht zu gefährden. Rückblickend waren die Tariferhöhungen in der Metall- und Elektro-Industrie seit 2008 doppelt so groß wie die Steigerungen der Produktivität in unserer M+E-Industrie. Diese Schere zwischen Lohnkosten- und Produktivitätsentwicklung muss sich wieder schließen.

(Quelle: Fuldaer Zeitung, Autor: Volker Nies)

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