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Henning: "Arbeitgeber malen nicht absichtlich schwarz"

Vor rund einem halben Jahr hat Andrea Henning den Vorsitz der Niedersachsenmetall-Bezirksgruppe Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim übernommen. Für die Branche ist es seither eine schwierige Zeit. Ein Gespräch über Konjunktur, Tarif, die nächsten Tarifverhandlungen und die gleiche Bezahlung von Mann und Frau.

NOZ: Frau Henning, Sie haben den Vorsitz der Niedersachsenmetall-Bezirksgruppe zu einer Zeit übernommen, die für die Branche nicht einfach ist. Wie hat das Jahr 2019 aus Ihrer Sicht abgeschlossen?

Henning: 2019 war ein extrem schlechtes Jahr für unsere Branche. Viele Unternehmen haben eklatante Auftrags-einbrüche und damit auch Produktionsrückgänge gehabt, sodass die Metall- und Elektroindustrie in eini-gen Bereichen heute mitten in der Rezession ist. Bei einem Umsatzrückgang von zum Teil 15 Prozent ist das mehr als eine vorübergehende Krise. Ich befürchte auch, dass das 2020 so weitergeht. Es geht aktuellen Umfragen zufolge kein Unternehmen unserer Branche davon aus, dass sich die konjunkturelle Lage verbessert, sondern dass sie maximal so bleibt. Diese Einschätzung teile ich. An den Faktoren, die Unternehmen in diese Krise geführt haben, hat sich nichts geändert.

NOZ: Einige Unternehmen haben bereits versucht, mit Kurzarbeit den Effekt der Rezession oder Krise abzufedern. Wie geht es da jetzt weiter?

Henning: Bevor die Firmen in die Kurzarbeit gegangen sind, wurde schon mit hausinternen Mitteln wie zusätzlichen Schließungstagen und reduzierten Arbeitsstunden gearbeitet. Somit ist Kurzarbeit das letzte Mittel, bevor es zum Personalabbau kommt. Und die Beratungen haben im Verband - ausschließlich mit Blick auf Kurzarbeit - zugenommen. Wir müssen abwarten, wie sich die Lage verändert und ob das Thema Personalabbau eine Rolle spielen wird in diesem Jahr. In der letzten Krise 2008/09 haben wir mit dem Instrument Kurzarbeit gute Erfahrungen gemacht, um Personalabbau zu vermeiden. Allerdings wurde damals die Bezugszeit deutlich verlängert, und Sozialversicherungsbeiträge wurden zum Teil erstattet. Solche Maßnahmen wird die Metall- und Elektroindustrie auch dieses Mal brauchen. Hier ist die Politik gefordert.

NOZ: Vor diesem Hintergrund starten neue Tarifgespräche. Wie tarifgebunden ist die Branche aktuell noch?

Henning: Das zu sagen ist schwierig. In der Bezirksgruppe von Niedersachsenmetall sind die Unternehmen tarifgebunden, davon profitieren rund 16 600 Mitarbeiter. Es gibt aber auch Firmen, die sich "nur" am Tarifvertrag orientieren, und nicht alle Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in der Region sind Mitglied im Tarifverband. Die Orientierungswirkung von Tarifverträgen schätzen wird immer noch als hoch ein.

NOZ: Trotz dieser Orientierung spielt der eine oder andere mit dem Gedanken, sich aus dem Tarifvertrag selbst zu verabschieden…

Henning: Ja, und es werden immer mehr Arbeitgeber, die sich die Frage stellen, ob sie sich einen Tarifvertrag noch leisten können - gerade im Mittelstand. Sie wollen sich nicht mit Tarifverträgen auseinandersetzen, die sie als zu teuer oder zu komplex, zu schwierig zu händeln ansehen. Das Entgelt selbst ist dabei selten ein Thema, denn um gute Mitarbeiter zu bekommen, müssen diese auch gut bezahlt werden. Wenn wir uns den letzten Abschluss anschauen, war er für die Arbeitgeber zu teuer - auch wenn wir dem Tarifvertrag letztlich zugestimmt haben. Insbesondere die Wahl von Arbeitnehmern, mehr Urlaub oder mehr Geld zu bekommen, stellt Unternehmen in ihrer Kapazitätsplanung vor große Herausforderungen, gerade in kleinen Abteilungen. Für acht Tage Zusatzurlaub kann keine zusätzliche Person eingestellt werden. Das eine oder andere Unternehmen überlegt vor diesem Hintergrund, aus dem Tarif auszusteigen.

NOZ: Nun stehen die nächsten Gespräche an - was erwarten Sie?

Henning: Vorweg muss ich sagen: Die Arbeitgeber malen nicht absichtlich schwarz, um den neuen Abschluss gering zu halten. Es geht den Unternehmen insbesondere in der Automobilindustrie und im Maschinenbau aktuell nicht gut, was inzwischen offensichtlich auch bei der IG Metall angekommen ist. Auch in den neuen Vorschlägen der Gewerkschaft zur weiteren Vorgehensweis in der Tarifrunde scheint sie nach wie vor aber spürbare Reallohnerhöhungen zu erwarten. Darüber hinaus sind Forderungen zur Qualifi-zierung und zur Beschäftigungssicherung angekündigt. Es wird sicherlich eine harte Tarifrunde. Ich hoffe auf einen Abschluss mit Augenmaß.

NOZ: Vor zwei Jahren wollte die Politik mit dem Entgelttransparenzgesetz "gleiches Geld für gleiche Arbeit" für Frauen und Männer vorantreiben. Ist das heute noch ein Thema?

Henning: Im Verband hat es zu diesem Thema wenig Beratungsbedarf gegeben. In meinem Verantwortungsbe-reich bei der ZF Friedrichshafen AG hat es lediglich eine Anfrage in 2018 gegeben. Das Thema ist als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet. Den Frauen bringt das Gesetz nichts.

NOZ: Ist der Bedarf schlicht nicht da?

Henning: In kleinen Betrieben mag das anders sein, aber für große Unternehmen würde ich das so sagen, ja. In größeren oder mittelständischen Betrieben, in denen auch noch das Thema Tarifbindung dazukommt, wird nach Funktion bezahlt, egal welches Geschlecht die Position ausfüllt. Wenn die Politik Frauen in ihren Karrieren oder beim Thema Entgelt fördern will, dann muss das anders aussehen.

(Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung / Interview: Nina Kallmeier)
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