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Ströbele: „Immenser Kostendruck“

15.03.20, Nordmetall

Arbeitgeber-Vertreterin Lena Ströbele zur Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie

Weser Report: Frau Ströbele, die diesjährige Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie begann sehr ungewöhnlich. Die IG Metall kam ohne konkrete Lohnforderung. Hat sich auch das Klima zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft geändert?

Lena Ströbele: Ja, wie sachlich wir miteinander umgehen, das ist neu. Wir sprechen klar über die Bedürfnisse beider Seiten und stecken ein gemeinsames Ziel ab. Geht es weniger darum, wie hoch die Löhne steigen? Geht es mehr darum, wie sich die zunehmende Digitalisierung auswirkt, wie der Strukturwandel etwa in der Autoindustrie? Es ist ein Sowohl-als-auch. Das macht die Verhandlungen so komplex. Es geht um die Konjunkturkrise, um Strukturwandel und Digitalisierung. Und um die Fragen: Welche Investitionen sind notwendig, welche Qualifizierung, welche Flexibilisierung? Gleichzeitig werfen wir immer einen Blick auf die Entgelttabelle. Und das vor dem Hintergrund, dass es einen immensen Kostendruck gibt.

Morgen wollten Sie sich mit der IG Metall treffen. Der Termin wurde wegen Corona vertagt. Wie weit sind Sie von einem Abschluss entfernt?

Vor der Ausbreitung des Coronavirus hatten wir uns vorgenommen, den Abschluss innerhalb der Friedenspflicht zu schaffen, also vor dem 28. April. Das ist grundsätzlich noch immer möglich. IG Metall-Bezirksleiter Daniel Friedrich und ich werden uns jetzt dazu abstimmen.

Die IG Metall hat zur Bedingung für ihren Verzicht auf eine konkrete Lohnforderung gemacht, dass die Unternehmen während der Tarifverhandlungen keine Stellen abbauen. Ist das Konsens unter den Arbeitgebern?

Ja, im Rahmen des Möglichen. Beschäftigungssicherung hat auch für uns eine hohe Relevanz, schon weil jeder Unternehmer froh über jede Fachkraft ist, die er halten kann Digitalisierung ist ja ein längerer Prozess.

Wie lange soll denn der neue Tarifvertrag laufen?

Für uns ist Planungssicherheit ein sehr wichtiges Thema. Und die ist umso größer, je länger der Vertrag läuft, gerade was das Thema Kostenrahmen betrifft.

Gibt es mit der IG Metall schon eine Verständigung über die Laufzeit?

Nein, aber klar ist, dass es einen zeitlichen Gleichlauf von Kostenrahmen und Beschäftigungssicherung geben muss, um unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden.

Wie wirkt sich der Ausbruch des Coronavirus aus?

Viele Betriebe waren schon vorher sehr krisenhaft unterwegs. Corona verschärft die Krise noch deutlich. Der Druck auf die Unternehmen wächst. Ein Signal dafür ist auch, dass die Anmeldungen für Kurzarbeit steigen. Ein wichtiger Punkt in dieser Tarifrunde ist die Qualifizierung.

Welche Mitarbeiter dürfen sich wie lange qualifizieren und wer bezahlt das?

Das ist genau das, was wir gerade diskutieren. Auch hier gibt es ein Geben und Nehmen. Wir müssen unterscheiden, über welche Art von Qualifizierung wir reden und wo die Arbeitsagenturen unterstützen können. Der Arbeitsplatz und die Arbeit verändern sich. Häufig gibt es eine Qualifizierung on the job. Sie wird in großem Stil stattfinden und kostet Geld. Wir müssen schauen, woher dieses Geld kommen soll.

Was passiert mit Mitarbeitern, deren Stelle wegfällt?

Dort müssen wir darüber nachdenken, wie wir diese Mitarbeiter für andere Tätigkeiten qualifizieren können. Dann wird es Mitarbeiter geben, die trotz aller Qualifizierung keine Tätigkeit im angestammten Unternehmen finden. Auch dafür müssen wir Lösungen schaffen.

Durch eine Kündigung?

So einfach ist es nicht. Das kann immer nur die letzte Lösung sein, und auch dann braucht es hierfür Konzepte, die gegebenenfalls über den Einzelbetrieb hinausgehen.

Könnte ein gemeinsamer Topf zur Finanzierung der Qualifizierung helfen?

Wer soll den füllen? Die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer, der Staat? Jeder wird einen Beitrag leisten müssen. Aber bevor wir darüber sprechen, wer was und wie viel gibt, müssen wir uns darauf verständigen, wie hoch die Gesamtbelastung ist. Die IG Metall will nur einen Vertrag unterschreiben, der auch eine Erhöhung der Kaufkraft der Mitarbeiter vorsieht.

Wie stark steigen die Löhne?

Das Gesamtvolumen muss passen. Dann muss man vereinbaren, wie viel Geld geht in Qualifizierung, in andere Instrumente und wie viel in die Entgelterhöhung.

Also Lohnverzicht gleich mehr Qualifizierung?

Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang, weil jeder erwirtschaftete Euro nur einmal ausgegeben werden kann. Aber wir brauchen Geld auch noch für andere Themen wie zum Beispiel Investitionen und Digitalisierung.

Sie sind nicht nur die erste Frau, die für Nordmetall die Verhandlungen führt. Sie sind auch die erste Verhandlungsführerin, die zuvor schon einmal Betriebsrätin war.

Das ist zwar lange her. Aber die Erfahrung ermöglicht ein gewisses Verständnis, sich in die Spur des Anderen stellen zu können, um seine Sorgen und Bedürfnisse zu verstehen.

(Quelle: Weser Report vom 15.03.2020)
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