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Focke zu Tarifverhandlungen: Der Spielraum ist in der Metallindustrie klein

02.03.20, Nordmetall

Für die Beschäftigten in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie haben die Tarifgespräche begonnen. Robert Focke, Vizepräsident von Nordmetall und Geschäftsführer der Baader-Gruppe, erklärt, was die Digitalisierung ausmacht und vor welchen Herausforderungen die Unternehmen stehen.

Die Tarifverhandlungen haben in diesem Jahr ohne Trillerpfeifen und rote Fahnen begonnen. Was läuft dieses Jahr anders zwischen Arbeitgeberverband und IG Metall Küste?

Robert Focke: Die Tarif- und Sozialpartnerschaft zwischen Nordmetall und IG Metall Küste bewährt sich jetzt. In den ersten Tarifgesprächen haben Arbeitgeber und Gewerkschaftler ruhig und gelassen erörtert, wie wir Strukturwandel, Digitalisierung und Rezessionsfolgen bewältigen. Nordmetall hat in Schleswig-Holstein 77 Mitgliedsunternehmen mit gut 30 000 Mitarbeitern, vor allem Firmen aus den Branchen Gesundheit, Schiff und Maschinenbau. Die IG Metall und Nordmetall wollen die Transformation gemeinsam gestalten.

Wie gehen Sie in Ihrem eigenen Unternehmen mit diesem Thema um?


Baader ist ein Familienbetrieb in dritter Generation. Wir haben 650 Mitarbeiter in Lübeck und sind ein klassischer Betrieb der Metallindustrie, der Anlagen für die Fischverarbeitung herstellt. So liefern wir komplette Gerätschaften nach Norwegen, Russland, Südamerika. Auch bei uns steht die Transformation zum Digitalen bevor. Bei Digitalisierung denkt man zuerst an Start-ups, nicht an klassische Industrie. Die Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse in der Industrie rasant, vom 3D-Druck bis zu Cloud-Lösungen zur Datennutzung. Wir arbeiten wie viele längst mit Start-ups zusammen. Dafür hat Baader zum Beispiel Räumlichkeiten in Hamburg angemietet, weil wir Digitalexperten brauchen, die nun einmal lieber in der Großstadt arbeiten wollen. Da kommen die Unternehmen schon zu den Mitarbeitern.

Was fordern die Gewerkschaften in den jetzt anstehenden Tarifgesprächen?

Die Folgen der Rezession, die seit Jahren steigenden Arbeitskosten und die Investitionen in eine funktionierende Transformation erlauben keine teuren Lohnsteigerungen wie beim letzten Mal. Unsere Firmen brauchen deutlich mehr Flexibilität im Personaleinsatz und bedarfsgerechte, betriebliche Lösungen für Qualifizierung oder Erleichterungen bei der Kurzarbeit, um die schwache Konjunktur abzufedern. Die nächsten Runden finden am 5. und 16. März statt. Klar ist: In Zeiten des Fachkräftemangels wollen die Betriebe ihre erfahrenen Mitarbeiter halten, können aber auch wegen der unsicheren Wirtschafts- und Weltlage trotzdem keine pauschale Beschäftigungsgarantie geben.

Die Konjunktur hat sich abgeschwächt. Wie krisenfest sind die Unternehmen?

Unter unseren Mitgliedern gibt es sehr viele Familienunternehmen, die jetzt mehr Flexibilität und weniger staatliche Regulierungen brauchen. Die Konjunkturaussichten mögen nicht die besten sein, aber im Moment haben wir noch ein weiteres Problem. Durch das Coronavirus sind viele Lieferketten unterbrochen worden. Bei komplexen Maschinen fehlen etwa Teile aus China. Es gibt viele Firmen, die von asiatischen Zulieferungen abhängig sind.

Weniger Aufträge können zu Kurzarbeit führen. Was steht auf dem Spiel?

Im Bundesarbeitsministerium werden neue Regeln für die Kurzarbeit geplant. Die Erleichterungen, die wir begrüßen, sollen aber zwingend mit beruflicher Fortbildung verknüpft werden. Das wäre ein erheblicher Eingriff in die innerbetrieblichen Abläufe. Das lehnen wir ab, wir wollen Qualifizierung nach Bedarf, nicht nach starrer Gesetzesvorgabe ins Blaue hinein.

Kurzarbeit für Qualifizierung nutzen: Das klingt doch gut.

Vom Grundsatz her ist das auch positiv. Und das findet ja auch längst statt. Aber Schulungsprogramme können sehr teuer sein, da muss es eine konkrete Notwendigkeit und ein strategisches Ziel geben, damit die Firmen dies tragen können. Für einige Beschäftigte reichen vielleicht mehrere kurze Qualifizierungen am Arbeitsplatz aus, andere brauchen mehr. Das verträgt sich nicht mit Mindestdauern oder Mindestgruppengrößen Man kann nicht von Berlin aus regeln, welchen Qualifizierungsbedarf ein Kleinunternehmen in Kellinghusen hat.

Vermissen Sie da eine handlungsfähige CDU in der Berliner Koalition?

Die CDU tut gut daran, rasch ihre Führungsfrage zu lösen. Und wir setzen weiter auf Bundeswirtschaftsminister Altmaier, dass er sein Versprechen hält, nach dem das Urteil des Europäischen Gerichtshofes zur Arbeitszeiterfassung aus dem vorigen Frühjahr nicht zur Wiedereinführung der Stechuhr in Deutschland führt. Besser wäre es, unsere Mitgliedsfirmen könnten die Flexibilität ausschöpfen, die ihnen die europäische Arbeitszeitrichtlinie ermöglicht. Hier aber sperrt sich die Große Koalition bislang.

Was fordern Sie konkret?

Wir wollen, dass die wöchentliche Höchstarbeitszeitgrenze nach EU-Richtlinie von 48 Stunden nicht durch veraltete deutsche Regeln wie die der Ruhezeit von elf Stunden eingeschränkt wird. Wir brauchen faire und klare Arbeitszeiten, mit den sich auch die Arbeitnehmer wohlfühlen und die den Anforderungen der Betriebe nach mehr Beweglichkeit entsprechen. Der Ruf nach mehr Flexibilität kommt inzwischen auch aus den Belegschaften.

Müssen nun die gesetzlichen Vorgaben korrigiert werden?

Die Regelungen im Arbeitsrecht sind nicht differenziert. Also müssen wir überlegen, wie wir sie an das 21. Jahrhundert anpassen. Die Elf-Stunden-Ruhe-Regelung ist von vorgestern. Für die wachsende Gruppe von Arbeitnehmern, die digital tätig sind oder die sich ihre Arbeitszeit zwischen Büro und Familie freier einteilen möchten, brauchen wir andere Regeln. Da müssen wir zu mehr Eigenverantwortung finden.

Wie steht die IG Metall dazu?

In der Vergangenheit sind wir mit der Gewerkschaft da nicht weitergekommen. Jetzt wird es in den Gesprächen eine Rolle spielen. Zur Flexibilisierung zählen etwa auch Flexi- und Lebensarbeitszeitkonten, bei denen die Mitarbeiter ihre Zeit ansparen können.

(Quelle: https://www.kn-online.de/Nachrichten/Wirtschaft/Metallindustrie-Der-Spielraum-bei-den-
Tarifverhandlungen-ist-klein)
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