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Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, über die Corona-Folgen

06.03.20, vbm

China war im letzten Jahr Handelspartner Nummer eins für Bayern. Italien ist traditionell sehr eng mit der Wirtschaft im Freistaat verwoben. In China und Italien verbreitet sich das Coronavirus besonders schnell. Wir sprachen mit Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, über die Folgen für den Wirtschaftsstandort Bayern.

Bayerische Staatszeitung (BSZ):
Herr Brossardt, wie stark leidet die bayerische Wirtschaft bereits jetzt unter den Folgen des Coronavirus?

Bertram Brossardt:
Das Coronavirus hat deutliche Auswirkungen auf die bayerische Wirtschaft, insbesondere die Industrie. Das betrifft die mittelbaren Auswirkungen des Virus aus China, die viele Wertschöpfungsketten unserer Industrie unsicher machen, in einigen Fällen schon unterbrochen haben und in vielen Fällen in wenigen Wochen die Wertschöpfungskette unterbrechen werden. Dies gilt aber auch aufgrund der zurückgehenden Nachfrage aus China, die unsere exportorientierte Industrie, insbesondere, aber nicht nur im Automobilbereich, deutlich beeinträchtigt. Durch das Auftreten des Virus in Norditalien wird diese Wirkung erheblich verstärkt, da die bayerische Industrie mit Norditalien besonders verschränkt ist. Auch innerhalb unserer Unternehmen tritt durch den Auftritt des Virus bereits Schaden ein. Jedenfalls wird das bayerische Wirtschaftswachstum durch das Virus spürbar negativ beeinflusst.

BSZ:
Welche Branchen sind besonders betroffen?

Brossardt:
In erster Linie ist unsere international aufgestellte Industrie betroffen. Das gilt im Zusammenhang mit China vor allem für die Automobilindustrie sowie für die Elektro- und Elektronikindustrie. Im Handel mit Italien spielen auch der Maschinenbau und das Ernährungsgewerbe eine wichtige Rolle. Außerhalb der Industrie sind vor allem auch der Tourismus und die Verkehrsund Logistikbranche betroffen.

BSZ:
Welches Ausmaß an Exportverlusten erwarten Sie für dieses Jahr?

Brossardt:
Das lässt sich derzeit noch nicht quantifizieren. Klar ist aber, dass die Viruskrise Wachstum kosten wird. Ausmaß, Tiefe und Dauer der Auswirkungen sind derzeit nicht abschätzbar. Erschwerend kommt hinzu, dass sich unsere Industrie ohnehin bereits in einer Rezession befindet. Die Industrieproduktion in Bayern sank im vergangenen Jahr um 3,7 Prozent, in der Metall- und Elektroindustrie sogar um 6,4 Prozent.

BSZ:
Gibt es Kompensationsmöglichkeiten durch verstärkten Export in andere Märkte?

Brossardt:
Da sehe ich derzeit keine Möglichkeiten, da die Weltwirtschaft insgesamt vom Coronavirus belastet wird. Ganz aktuell hat die OECD ihre Prognose für das globale Wachstum um 0,5 Prozentpunkte auf nur noch +2,4 Prozent reduziert.

BSZ:
Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat bereits ein Konjunkturprogramm in Aussicht gestellt. Was erwarten Sie konkret von so einem Programm?

Brossardt:
Neben dem Gesundheitsschutz muss die Bundesregierung jetzt Wachstumsimpulse setzen, um die Wirtschaft zu stabilisieren und zu stärken. Wir brauchen schnell eine Kurzarbeiterregelung wie bei der Finanzkrise 2009. Bund und Länder müssen jetzt ihr Instrumentarium für Unternehmen in Schwierigkeiten verstärken. Daneben sollte die Bundesregierung Innovationen fördern und steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für Digitalinvestitionen schaffen.

Interview: Ralph Schweinfurth
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